Wie rede ich eigentlich mit mir? Teil 1: Warum wir selber Mitgefühl brauchen.

Was sind Sie sich selbst – Ihr größter Kritiker oder Ihr bester Freund? Wenn Sie sich ärgern, versuchen Sie es einmal mit Selbstmitgefühl anstatt mit Selbstkritik.

Mitgefühl kennt jeder. Aber Mitgefühl mit sich selber – Selbstmitgefühl – ist das nicht etwas für „schwache Gemüter“ und „Zartbeseitete“?

„Was habe ich heute eigentlich geschafft?“ Nicht mal die Hälfte von dem, was ich wollte. Wieder nicht umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe! Weder die Arbeit richtig geschafft, noch eine vernünftige Pause gemacht, vom Sport ganz zu schweigen. Oh man, ich bin sauer auf mich und enttäuscht. War ja klar, ist ja typisch – ich kriege es einfach nicht geregelt.“ Schlechte Laune kriecht hoch und breitet sich gefühlt in jede Zelle aus.

Klingt das freundlich? Würden Sie so mit einer guten Freundin, einem guten Freund sprechen? Höchstwahrscheinlich nicht! Meistens reagieren wir verständnisvoll, wenn es einem uns nahestehenden Menschen schlecht geht, er sich ärgert oder niedergeschlagen ist, weil ihm beispielsweise ein Fehler unterlaufen ist oder Stress ihm das Leben zu schaffen macht. Dann stehen wir mit tröstenden Worten zur Seite, unterstützen und bauen auf.

Mit uns selber sind wir da weniger zimperlich und gehen hart mit uns ins Gericht: „Wie konnte Dir das nur wieder passieren!“ „Wenn du so weiter machst, kommst Du nie an dein Ziel!“  Schauen wir uns im Spiegel an, dann zählt jede Falte, jede Unebenheit, jedes Pfund. Erbarmungslos fällt der prüfende Blick aus. Von Milde keine Spur.

Für sich selber scheinen andere Maßstäbe zu gelten, als für die anderen. Mitgefühl mit anderen – ja klar! Mitgefühl für sich selber – na ja, wo kämen wir denn dahin? Von nichts kommt nichts! Gut ist nicht gut genug! ….. Die Liste ist lang. Es fällt nicht einfach, mitfühlend mit uns selbst umzugehen. Wir neigen dazu, uns selbst zu tadeln, wenn wir Fehler machen. Wir setzen uns selbst unter Druck und verurteilen uns für unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Unser Selbstwertgefühl leidet und wirklich motivierend ist so ein Denken auch nicht.

Eine Alternative zur Selbstkritik ist das Selbstmitgefühl. Jeder von uns kann lernen, mit sich selber verständnisvoller und freundlicher zu sein.

Carl Rogers (US amerik. Psychologe, 1962) sagte im Alter von 75 Jahren:

 

„Ich war schon immer besser darin, mich um andere zu kümmern, als um mich selbst.
Aber in den letzten Jahren habe ich Fortschritte gemacht.“

Selbstmitgefühl bedeutet, uns selbst so zu behandeln, wie wir es bei einem guten Freund oder einer guten Freundin tun würden.

Mitgefühl ist etwas ganz Natürliches. Wenn es jemandem schlecht geht, versetzen wir uns in seine Lage, hören zu, versuchen zu trösten und zu helfen. Warum sollte das, was für den anderen gilt, nicht auch für uns selber gelten. Wenn wir mit anderen so wohlwollend umgehen können, dann können wir das auch mit uns selber. „Was brauche ich gerade, damit es mir besser geht?“ Was baut mich auf? Was motiviert mich, weiter zu machen oder neu anzufangen?“

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Mit einer positiven inneren Stimme können wir uns selbst beruhigen, uns ermutigen und aufbauen. In dem wir uns annehmen wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen, steigt unser Selbstwert.

Wer hat denn jemals behauptet, dass wir perfekt sein sollten?

Das Konzept des Selbstmitgefühls ist 1997 von der amerikanischen Psychologin Dr. Kristin Neff entwickelt worden. Selbstmitgefühl bedeutet, uns selbst so zu behandeln, wie wir es bei einem guten Freund oder einer guten Freundin tun würden.

Mitgefühl mit uns selber führt zu:

"Spannung ist, wer du glaubst sein zu müssen, Entspannung ist, wer du bist."

Zum Stöbern - Buchtipps und Links

  • Neff, Kristin (2022): Kraftvolles Selbstmitgefühl für Frauen: Klar für sich selbst einstehen, engagiert handeln und Erfüllung finden. Kailash Verlag. München

Workshops zum Thema

  • „Coaching für den inneren Dialog: Sich selbst die beste Freundin sein!
    Was sind Sie sich selber – „Freund oder Feind“? Wir neigen dazu, uns selbst zu tadeln, wenn wir Fehler machen. Wir setzen uns selbst unter Druck und verurteilen uns für unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Mitgefühl mit uns selbst lässt uns wachsen und stärkt das emotionale Wohlbefinden. Sie lernen in schwierigen und herausfordernden Situationen sich selbst die beste Freundin zu sein!